Sprung ins kalte Wasser, Pfarramt auf Probe

Pfarramt auf Probe

#AusersterHand

​Die Vikare Tobias und Jonas über Horizonterweiterungen, Zeitmanagement und das erste Mal im Talar. 

Jona hatte den Walfisch, Moses den brennenden Dornbusch. In welchem Moment wusstet ihr: Jetzt werde ich Pfarrer?

TOBIAS: Bei mir liegt es in der Familie. Mein Onkel war Pfarrer, und ich erinnere mich an sehr coole Zeiten im Pfarrhaus. Als das Studium dann losging, war das alles total spannend, und ich war sehr euphorisch. Aber eigentlich wird mir erst jetzt, kurz vor dem zweiten Examen, so richtig klar, was es bedeutet, Pfarrer zu sein. Im Moment laufen die Gespräche, auf welcher Stelle ich arbeiten werde, und damit wird es plötzlich ganz konkret.

JONAS: Ich habe schon in den letzten Schuljahren mit diesem Beruf geliebäugelt. Um herauszufinden, ob der Pfarrberuf etwas für mich ist, habe ich vor dem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr in der kirchlichen Jugendarbeit gemacht. Während dieser Zeit war ein Erlebnis nach einer Jugendveranstaltung besonders eindrücklich für mich: Ich saß nach dem Aufräumen allein im Raum und dachte über die letzten Jahre nach. Plötzlich war da diese heilige Atmosphäre, als wäre Gott für einen Moment spürbar: Mir wurde einfach klar, dass er mich über viele Begegnungen und Gespräche bis hierher geführt hatte. In diesem Moment verspürte ich eine tiefe Dankbarkeit und wusste: Das ist mein Weg.

Wie geht es denn mit dem eigenen Glauben im Studium weiter? Ist die historisch-kritische Forschung nicht ein Schock für gläubige Christen?

TOBIAS: Gleich zu Beginn sagte mir einer der Professoren: „Das Studium ist so etwas wie ein Fegefeuer, durch das man irgendwie durch muss.“ Aber ich habe die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen nie als Schock erlebt. Was verändert es an meinem Glauben, dass es Abraham vielleicht nicht gegeben hat? Ist doch trotzdem eine gute Geschichte, die mir etwas über mein Leben erzählt. Ich finde, als Pfarrerin oder Pfarrer muss man immer auch Religionskritiker sein, und das fängt mit dem eigenen Glauben an.

JONAS: Im Studium geht es um die Herausforderung, Wissenschaft und persönlichen Glauben zu verbinden. Man braucht die Bereitschaft, Distanz zum eigenen Glauben einzunehmen. Dazu gehört eben auch, sich manchmal von alten Antworten zu trennen. Ich habe aber erlebt, dass mein Glaube in vielen Punkten auch vertieft wurde. Wenn man da mit Mut und Offenheit reingeht, kann man wirklich an diesem Studium wachsen.

 "Im Studium geht es um die Herausforderung, Wissenschaft und persönlichen Glauben zu verbinden."
JONAS RÜHLE

Nun seid ihr beide Vikare und auf dem besten Weg, Pfarrer zu werden. Wann war der Moment, als ihr das erste Mal den Talar übergestreift habt?

TOBIAS: Das war im Predigerseminar, erste Seminarwoche. Da kam ein Gewandschneider aus dem Fränkischen.

JONAS: Ah, den hatten wir auch.

TOBIAS: Der stellte dann die Talare vor: (mit fränkischem Akzent) „Es gibt ganz unterschiedliche Qualitätsklassen beim Stoff und beim Schnitt. Den Ferrari, den Mercedes, den Volkswagen …“ Jonas, was hast Du für einen Schnitt?

JONAS: Ich trage den VW: ein schlichtes preußisches Modell aus leichtem italienischem Stoff, da ist weder Samt noch anderer Schnickschnack dran.

Und was geht in einem vor, wenn man das erste Mal ins preußische Modell schlüpft?

JONAS: Ich habe den Talar das erste Mal bei einem Prüfungsgottesdienst getragen. Ich weiß noch, wie ich allein in die Kirche gegangen bin, um auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Mir ist vor allem aufgefallen, dass man sich sehr viel langsamer bewegen muss.

Weil man sonst stolpert?

JONAS: Na ja, man trägt einfach sehr viel Stoff, der mit jeder Bewegung immer ein bisschen nachschwingt. Am Anfang macht man daher alles viel bewusster und konzentriert sich auf seine Bewegungen. Vor dem Spiegel dachte ich, das ist eine große Ehre, aber auch eine riesige Herausforderung. Eigentlich habe ich dieses Gefühl auch heute noch, wenn ich einen Talar anziehe: Kann ich als Person diesem göttlichen Auftrag gerecht werden?

Du sprichst von Demut – aber spürt man nicht auch eine gewisse Macht? Schließlich ist man als Pfarrerin oder Pfarrer ja auch eine Respektsperson, auf die Menschen ganz anders reagieren.

TOBIAS: Das stimmt. Der eindrücklichste Moment ist Heiligabend. Die Kirche ist gerammelt voll, und du stehst vorn allein im Altarraum. Dann machst Du die Geste zum Aufstehen, und hundert Menschen erheben sich. Das hat schon was. Beim ersten Mal habe ich mich ein bisschen erschrocken. Ich denke, Demut und Macht stehen schon in einem engen Spannungsverhältnis zueinander.

JONAS: Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen Kirche gegenüber skeptisch sind. Sie lassen sich auch von einem Talar nicht beeindrucken. Man muss es sich schon verdienen, gehört zu werden.

Die Auseinandersetzung mit der Rolle fängt doch sicher schon im Studium an. Wenn man beim Sport oder auf einer Party gefragt wird, was man studiert, dann muss man als angehender Pfarrer doch sicher erst mal Rede und Antwort stehen. Das ist etwas anderes, als wenn man sagt, ich mach was mit Medien …

TOBIAS: Auf jeden Fall, ein klassisches Beispiel sind Zugfahrten. Da sagt man, was man studiert und muss erst einmal ein langes Gespräch führen von den Kreuzzügen über den Papst bis hin zum eigenen Glauben.

Das ist auch ein Fegefeuer, oder?

TOBIAS: Ja (lacht), vielleicht sogar ein noch größeres. Denn manchmal will man ja auch einfach mal seine Ruhe haben.

"Der eindrücklichste Moment ist Heiligabend. Du machst Du die Geste zum Aufstehen, und hundert Menschen erheben sich."
TOBIAS HEYMANN

Darf man denn als Pfarrer auch mal schlecht gelaunt reagieren?

TOBIAS: Natürlich, wir sind auch nur Menschen. Viele denken, dass Pfarrerinnen und Pfarrer etwas Besonderes sind – entweder total verschroben oder ein frommer Menschenretter. Aber das hat für mich nichts mir dem evangelischen Verständnis zu tun: Als Pfarrerinnen und Pfarrer sind wir Gemeindemitglieder, die von anderen beauftragt wurden. Schließlich hat nicht jeder den ganzen Tag Zeit, Theologie zu studieren.

JONAS: Ja, wir sind nicht der Messias, sondern nur der Bote. Wenn man das verinnerlicht hat, dann ist das eine Entlastung. Aber im privaten Umfeld nervt es mich schon manchmal, wenn ich komme, und es heißt: „Ah, der Herr Pfarrer“. Klar finde ich es wichtig, dass man diese Rolle im Alltag bewusst gestaltet, weil sich dann schöne Gespräche ergeben können. Aber auf der anderen Seite habe ich gelernt, dass es auch wichtig ist, manchmal zu sagen: „Lasst mich bitte einfach mal Jonas sein.“

Der Beruf bringt ja nicht nur viele Verpflichtungen mit sich, sondern auch Freiheiten. Wie lernt man, das richtige Verhältnis zwischen Dienstplan, Engagement und Freizeit zu finden?

JONAS: Das Wichtigste ist, sich selbst wahrzunehmen. Das wird in der Ausbildung durch Supervision unterstützt. Wir haben zum Beispiel die Aufgabe, über das ganze Vikariat hinweg ein Zeittagebuch zu führen. Da schreibt man dann rein, welche Tage man als anstrengend erlebt hat und notiert auch, was einem Kraft gegeben hat. Nach anderthalb Jahren bin ich dadurch in meinem Zeitmanagement viel besser geworden. Außerdem habe ich gemerkt, wie wichtig bewusste Auszeiten mit Familie und Freunden für mich sind – und dass diese auch im Kalender stehen sollten.

TOBIAS: Die Freiheit, selbst entscheiden zu können, was ich wann mache, genieße ich sehr. Es ist einfach wunderschön, morgens unter der Woche mit meiner Tochter durch den Park zu spazieren. Das heißt dann vielleicht, dass ich abends oder nachmittags mehr arbeiten muss, aber meistens ist es eben gestaltbar. Und das ist ein großes Privileg.

Wer entscheidet, wo ihr später eingesetzt werdet? Es macht ja einen riesigen Unterschied, ob man Jugendpfarrer in Neukölln wird oder Dorfpfarrerin im Allgäu.

TOBIAS: Ein paar Wochen vor dem Examen kam die Prälatin in unser Seminar, das ist gewissermaßen unsere Personalchefin. Sie hatte eine Liste dabei, auf der genau so viele Orte standen, wie wir Vikarinnen und Vikare waren. Da dachte ich schon, „Oh Gott, wo komme ich jetzt hin“. Tatsächlich gestaltet sich das aber schon als gemeinsame Suche, bei der man mit der Leitung in engem Gespräch ist.

Jonas, du bist derzeit in Karlsruhe, hast es also mit einem sehr urbanen Publikum zu tun. Aber das heißt ja nicht, dass Du im Probedienst auch in einer Stadt arbeiten wirst …

JONAS: Wir konnten schon Wünsche äußern, und die Personalchefin hat eine Rückmeldung dazu gegeben, wie realistisch sie das einschätzt. Aber es wurde schon klar kommuniziert, dass sich die Landeskirche das Recht vorbehält, uns für die ersten zwei Jahre an einen bestimmten Ort zu schicken. Da spielt die familiäre Situation mit rein, aber auch der eigene Werdegang. Wenn man sein Vikariat im städtischen Kontext gemacht hat, ist die Dorfstelle ja auch eine Horizonterweiterung.

Ihr habt die ersten Erfahrungen im Pfarrberuf gesammelt. Gibt es etwas, das euch jetzt schon ziemlich nervt?

TOBIAS: Mich nerven Sitzungen, in denen sich die Kirche damit beschäftigt, dass sie nicht mehr die gleiche Rolle hat wie vor 30 Jahren. Und vielleicht die Tatsache, dass man im Pfarrhaus Mieter und Hausmeister in einer Person ist.

JONAS: Mich nervt es, wenn Kirche sich nur um sich selbst dreht und dabei einschläft. Wir brauchen wieder mehr Neugierde und Experimentierfreude!

 

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Pfarramt auf Probe

​Die Vikare Tobias und Jonas über Horizonterweiterungen, Zeitmanagement und das erste Mal im Talar. 

Jona hatte den Walfisch, Moses den brennenden Dornbusch. In welchem Moment wusstet ihr: Jetzt werde ich Pfarrer?

TOBIAS: Bei mir liegt es in der Familie. Mein Onkel war Pfarrer, und ich erinnere mich an sehr coole Zeiten im Pfarrhaus. Als das Studium dann losging, war das alles total spannend, und ich war sehr euphorisch. Aber eigentlich wird mir erst jetzt, kurz vor dem zweiten Examen, so richtig klar, was es bedeutet, Pfarrer zu sein. Im Moment laufen die Gespräche, auf welcher Stelle ich arbeiten werde, und damit wird es plötzlich ganz konkret.

JONAS: Ich habe schon in den letzten Schuljahren mit diesem Beruf geliebäugelt. Um herauszufinden, ob der Pfarrberuf etwas für mich ist, habe ich vor dem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr in der kirchlichen Jugendarbeit gemacht. Während dieser Zeit war ein Erlebnis nach einer Jugendveranstaltung besonders eindrücklich für mich: Ich saß nach dem Aufräumen allein im Raum und dachte über die letzten Jahre nach. Plötzlich war da diese heilige Atmosphäre, als wäre Gott für einen Moment spürbar: Mir wurde einfach klar, dass er mich über viele Begegnungen und Gespräche bis hierher geführt hatte. In diesem Moment verspürte ich eine tiefe Dankbarkeit und wusste: Das ist mein Weg.

Wie geht es denn mit dem eigenen Glauben im Studium weiter? Ist die historisch-kritische Forschung nicht ein Schock für gläubige Christen?

TOBIAS: Gleich zu Beginn sagte mir einer der Professoren: „Das Studium ist so etwas wie ein Fegefeuer, durch das man irgendwie durch muss.“ Aber ich habe die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen nie als Schock erlebt. Was verändert es an meinem Glauben, dass es Abraham vielleicht nicht gegeben hat? Ist doch trotzdem eine gute Geschichte, die mir etwas über mein Leben erzählt. Ich finde, als Pfarrerin oder Pfarrer muss man immer auch Religionskritiker sein, und das fängt mit dem eigenen Glauben an.

JONAS: Im Studium geht es um die Herausforderung, Wissenschaft und persönlichen Glauben zu verbinden. Man braucht die Bereitschaft, Distanz zum eigenen Glauben einzunehmen. Dazu gehört eben auch, sich manchmal von alten Antworten zu trennen. Ich habe aber erlebt, dass mein Glaube in vielen Punkten auch vertieft wurde. Wenn man da mit Mut und Offenheit reingeht, kann man wirklich an diesem Studium wachsen.

 "Im Studium geht es um die Herausforderung, Wissenschaft und persönlichen Glauben zu verbinden."
JONAS RÜHLE

Nun seid ihr beide Vikare und auf dem besten Weg, Pfarrer zu werden. Wann war der Moment, als ihr das erste Mal den Talar übergestreift habt?

TOBIAS: Das war im Predigerseminar, erste Seminarwoche. Da kam ein Gewandschneider aus dem Fränkischen.

JONAS: Ah, den hatten wir auch.

TOBIAS: Der stellte dann die Talare vor: (mit fränkischem Akzent) „Es gibt ganz unterschiedliche Qualitätsklassen beim Stoff und beim Schnitt. Den Ferrari, den Mercedes, den Volkswagen …“ Jonas, was hast Du für einen Schnitt?

JONAS: Ich trage den VW: ein schlichtes preußisches Modell aus leichtem italienischem Stoff, da ist weder Samt noch anderer Schnickschnack dran.

Und was geht in einem vor, wenn man das erste Mal ins preußische Modell schlüpft?

JONAS: Ich habe den Talar das erste Mal bei einem Prüfungsgottesdienst getragen. Ich weiß noch, wie ich allein in die Kirche gegangen bin, um auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Mir ist vor allem aufgefallen, dass man sich sehr viel langsamer bewegen muss.

Weil man sonst stolpert?

JONAS: Na ja, man trägt einfach sehr viel Stoff, der mit jeder Bewegung immer ein bisschen nachschwingt. Am Anfang macht man daher alles viel bewusster und konzentriert sich auf seine Bewegungen. Vor dem Spiegel dachte ich, das ist eine große Ehre, aber auch eine riesige Herausforderung. Eigentlich habe ich dieses Gefühl auch heute noch, wenn ich einen Talar anziehe: Kann ich als Person diesem göttlichen Auftrag gerecht werden?

Du sprichst von Demut – aber spürt man nicht auch eine gewisse Macht? Schließlich ist man als Pfarrerin oder Pfarrer ja auch eine Respektsperson, auf die Menschen ganz anders reagieren.

TOBIAS: Das stimmt. Der eindrücklichste Moment ist Heiligabend. Die Kirche ist gerammelt voll, und du stehst vorn allein im Altarraum. Dann machst Du die Geste zum Aufstehen, und hundert Menschen erheben sich. Das hat schon was. Beim ersten Mal habe ich mich ein bisschen erschrocken. Ich denke, Demut und Macht stehen schon in einem engen Spannungsverhältnis zueinander.

JONAS: Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen Kirche gegenüber skeptisch sind. Sie lassen sich auch von einem Talar nicht beeindrucken. Man muss es sich schon verdienen, gehört zu werden.

Die Auseinandersetzung mit der Rolle fängt doch sicher schon im Studium an. Wenn man beim Sport oder auf einer Party gefragt wird, was man studiert, dann muss man als angehender Pfarrer doch sicher erst mal Rede und Antwort stehen. Das ist etwas anderes, als wenn man sagt, ich mach was mit Medien …

TOBIAS: Auf jeden Fall, ein klassisches Beispiel sind Zugfahrten. Da sagt man, was man studiert und muss erst einmal ein langes Gespräch führen von den Kreuzzügen über den Papst bis hin zum eigenen Glauben.

Das ist auch ein Fegefeuer, oder?

TOBIAS: Ja (lacht), vielleicht sogar ein noch größeres. Denn manchmal will man ja auch einfach mal seine Ruhe haben.

"Der eindrücklichste Moment ist Heiligabend. Du machst Du die Geste zum Aufstehen, und hundert Menschen erheben sich."
TOBIAS HEYMANN

Darf man denn als Pfarrer auch mal schlecht gelaunt reagieren?

TOBIAS: Natürlich, wir sind auch nur Menschen. Viele denken, dass Pfarrerinnen und Pfarrer etwas Besonderes sind – entweder total verschroben oder ein frommer Menschenretter. Aber das hat für mich nichts mir dem evangelischen Verständnis zu tun: Als Pfarrerinnen und Pfarrer sind wir Gemeindemitglieder, die von anderen beauftragt wurden. Schließlich hat nicht jeder den ganzen Tag Zeit, Theologie zu studieren.

JONAS: Ja, wir sind nicht der Messias, sondern nur der Bote. Wenn man das verinnerlicht hat, dann ist das eine Entlastung. Aber im privaten Umfeld nervt es mich schon manchmal, wenn ich komme, und es heißt: „Ah, der Herr Pfarrer“. Klar finde ich es wichtig, dass man diese Rolle im Alltag bewusst gestaltet, weil sich dann schöne Gespräche ergeben können. Aber auf der anderen Seite habe ich gelernt, dass es auch wichtig ist, manchmal zu sagen: „Lasst mich bitte einfach mal Jonas sein.“

Der Beruf bringt ja nicht nur viele Verpflichtungen mit sich, sondern auch Freiheiten. Wie lernt man, das richtige Verhältnis zwischen Dienstplan, Engagement und Freizeit zu finden?

JONAS: Das Wichtigste ist, sich selbst wahrzunehmen. Das wird in der Ausbildung durch Supervision unterstützt. Wir haben zum Beispiel die Aufgabe, über das ganze Vikariat hinweg ein Zeittagebuch zu führen. Da schreibt man dann rein, welche Tage man als anstrengend erlebt hat und notiert auch, was einem Kraft gegeben hat. Nach anderthalb Jahren bin ich dadurch in meinem Zeitmanagement viel besser geworden. Außerdem habe ich gemerkt, wie wichtig bewusste Auszeiten mit Familie und Freunden für mich sind – und dass diese auch im Kalender stehen sollten.

TOBIAS: Die Freiheit, selbst entscheiden zu können, was ich wann mache, genieße ich sehr. Es ist einfach wunderschön, morgens unter der Woche mit meiner Tochter durch den Park zu spazieren. Das heißt dann vielleicht, dass ich abends oder nachmittags mehr arbeiten muss, aber meistens ist es eben gestaltbar. Und das ist ein großes Privileg.

Wer entscheidet, wo ihr später eingesetzt werdet? Es macht ja einen riesigen Unterschied, ob man Jugendpfarrer in Neukölln wird oder Dorfpfarrerin im Allgäu.

TOBIAS: Ein paar Wochen vor dem Examen kam die Prälatin in unser Seminar, das ist gewissermaßen unsere Personalchefin. Sie hatte eine Liste dabei, auf der genau so viele Orte standen, wie wir Vikarinnen und Vikare waren. Da dachte ich schon, „Oh Gott, wo komme ich jetzt hin“. Tatsächlich gestaltet sich das aber schon als gemeinsame Suche, bei der man mit der Leitung in engem Gespräch ist.

Jonas, du bist derzeit in Karlsruhe, hast es also mit einem sehr urbanen Publikum zu tun. Aber das heißt ja nicht, dass Du im Probedienst auch in einer Stadt arbeiten wirst …

JONAS: Wir konnten schon Wünsche äußern, und die Personalchefin hat eine Rückmeldung dazu gegeben, wie realistisch sie das einschätzt. Aber es wurde schon klar kommuniziert, dass sich die Landeskirche das Recht vorbehält, uns für die ersten zwei Jahre an einen bestimmten Ort zu schicken. Da spielt die familiäre Situation mit rein, aber auch der eigene Werdegang. Wenn man sein Vikariat im städtischen Kontext gemacht hat, ist die Dorfstelle ja auch eine Horizonterweiterung.

Ihr habt die ersten Erfahrungen im Pfarrberuf gesammelt. Gibt es etwas, das euch jetzt schon ziemlich nervt?

TOBIAS: Mich nerven Sitzungen, in denen sich die Kirche damit beschäftigt, dass sie nicht mehr die gleiche Rolle hat wie vor 30 Jahren. Und vielleicht die Tatsache, dass man im Pfarrhaus Mieter und Hausmeister in einer Person ist.

JONAS: Mich nervt es, wenn Kirche sich nur um sich selbst dreht und dabei einschläft. Wir brauchen wieder mehr Neugierde und Experimentierfreude!

 

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