Adelheid Ruck-Schröder, Das Vikariat

Das Vikariat

#AusersterHand

​Adelheid Ruck-Schröder bildet Vikarinnen und Vikare aus. Im Gespräch erklärt sie, wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erleben und welche Fragen der Gottestdienstgestaltung man am Besten von einem Schauspieler lernt.

Frau Ruck-Schröder, Sie begleiten junge Vikare beim Schritt in das Berufsleben. Was erlebt jemand, wenn sie oder er das erste Mal einen Talar überzieht und vor einer Gemeinde steht?

Das ist ein spannender Moment, auf den Vikarinnen und Vikare ganz unterschiedlich reagieren. Vor Kurzem sagte eine junge Vikarin zu mir: „Ganz ehrlich, der Talar ist für mich wie eine Verkleidung, da muss ich mich erst noch reinfinden.“ Wir haben ja hier im Seminar eine gemeinsame Anprobe, aber es ist doch etwas anderes, wenn man das erste Mal damit im Gottesdienst auftritt. Man muss langsam hineinwachsen und seine Erfahrungen damit machen.

Ist das eine Verwandlung, die Sie von Außen wahrnehmen können?

Ja, es verändert sich etwas, aber die Person verschwindet nicht im Talar. Das Gesicht kommt zum Beispiel sehr viel mehr zur Geltung, Gestik und Mimik werden wichtiger. Daran arbeiten wir auch gemeinsam mit einem Schauspieler.

Sie laden einen Schauspieler ein, um mit den Vikarinnen und Vikaren zu üben?

Genau. Die Liturgie beinhaltet ja ganz unterschiedliche Elemente, die eben auch unterschiedliche Ausdrucksformen erfordern. Das hat sehr viel mit Körpersprache zu tun. Wenn ich sage „Freuet euch in dem Herrn“ und stehe da wie ein Trauerkloß, ist das nicht wirklich überzeugend. Im Unterricht probiert man verschiedene Haltungen aus und bekommt eine Rückmeldung, wie man auf den Betrachter wirkt. Das lässt sich sehr gut mit einem Schauspieler lernen.

Erzählen Sie uns doch mal ein bisschen über den zweiten Ausbildungsabschnitt. Was lernen Vikarinnen und Vikare noch?

Vikare lernen an zwei Lernorten. Der erste ist die Kirchengemeinde: Jede Vikarin, jeder Vikar ist einer Gemeinde und einem Mentor, also einem Ausbildungspfarrer, zugewiesen. Hier machen Vikare praktische Erfahrungen vor Ort mit allem, was in der Gemeinde so dazugehört. Der zweite Ort ist das Predigerseminar. Hier verläuft die Ausbildung im Kurs, also in einer festen Gruppe. Ein Schwerpunkt im Vikariat ist zum Beispiel die Gottesdienstgestaltung. Wie baue ich eine gute Predigt auf, und wie trage ich sie vor? Hierzu gehören auch die Sprecherziehung und die liturgische Präsenz, von der ich eben gesprochen habe. Dann haben wir den großen Bereich der Seelsorge: Wie gestalte ich ein Gespräch? Wie gehe ich mit Trauersituationen um? Das ist eine sehr tiefe und sensible Arbeit, die viel mit persönlicher Entwicklung zu tun hat. Ein weiterer Bereich ist die Religionspädagogik, zu der auch eine Praxisphase in der Schule gehört. Außerdem werden Kurse in Gemeindeleitung, Öffentlichkeitsarbeit, Diakonie und vielem mehr abgehalten. Unsere Vikarinnen und Vikare gehen auch für eine Woche in ein Kloster und schweigen miteinander.

Vor dem Vikariat muss man bereits ein sehr umfangreiches Studium absolvieren, bei dem es vor allem um die theoretische Auseinandersetzung mit dem Glauben geht. Kommt es auch schon mal vor, dass jemand erst im Vikariat merkt, dass der Beruf nichts für sie oder ihn ist?

Im Gegenteil, die meisten merken in der praktischen Auseinandersetzung, dass dieser Beruf etwas für sie ist. Das Vikariat ist eine Zeit, in der man sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzen kann. Das ist ein großes Privileg. Dazu gehört auch die Frage „Kann ich auf diesen Beruf und seine Herausforderungen zugehen?“ Auch diejenigen, die Fragen und Zweifel haben, erleben auf diesem Weg sehr viel Bestätigung und machen tiefe Erfahrungen.

"Die meisten merken erst in der praktischen Auseinandersetzung, dass dieser Beruf etwas für sie ist."

Ich habe mir Umfragen zu verschiedenen Berufsbildern angeschaut. Bei der Frage „In welchem Beruf könnten Sie sich vorstellen zu arbeiten?“ kommt das Pfarramt an letzter Stelle – hinter Busfahrerin und Versicherungsmakler. Sollte man den Weg zum Pfarramt nicht lieber ein wenig leichter gestalten, um niemanden abzuschrecken?

Pfarrerin oder Pfarrer ist ein theologischer Beruf, der mit der gesamten christlich-jüdischen Tradition umgeht und diese in unserer heutigen Welt zur Sprache bringt. Es wäre fatal, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer sich hier nicht auskennen würden. Die Anforderungen an die persönliche Kompetenz im Vikariat dürfen wir aus meiner Sicht nicht herunterschrauben, denn irgendwann stehen Vikarinnen und Vikare in der Öffentlichkeit einer Kirchengemeinde. Da führen manchmal Detailfragen zu einer echten Auseinandersetzung. Eine Vikarin fragte mich neulich, was sie denn eigentlich anziehen soll, wenn sie sich ganz normal in der Öffentlichkeit bewegt.

Dahinter steht doch eigentlich die Frage „Wie kann ich angemessen meine Kirche repräsentieren und gleichzeitig eine Brücke in mein Leben schlagen?“, oder nicht?

Ja genau, es sind einzelne Persönlichkeiten, die mit ihrem Charakter, ihrem Auftreten, ihrem Wissen und ihrem Glauben, mit allen ihren Stärken und Schwächen die Kirche repräsentieren. So ist es gedacht, und so ist es gut. Aber wie genau es für einen selbst aussieht, muss jeder selbst herausfinden.

Da sprechen Sie eine sehr sensible Frage an: Wie schafft man es eigentlich bei all der Verantwortung, sich selbst richtig abzugrenzen?

Das ist in der Tat ein wichtiges Feld. Bekomme ich die Balance zwischen Beruf und Privatleben hin? Die Frage nach der Abgrenzung hat viel mit der Einteilung der eigenen Zeit zu tun, aber auch damit, wie ich mit den Erwartungen in der Gemeinde umgehe. Wie arbeite ich mit anderen zusammen? Kann ich Dinge abgeben, oder versuche ich, in jeder Einzelhandlung die Welt zu retten? Finde ich Zeit für meine eigene Spiritualität? Da gibt es viele Hilfen bei uns – in der Landeskirche Hannover kann man zum Beispiel ein Sabbatsemester machen, also eine bezahlte Auszeit für Pastoren, in der man sich der eigenen Person und dem eigenen Glauben zuwendet, aber auch noch einmal nach Jahren der Praxis die Chance kriegt, intensiv zu studieren.

"Die Frage nach der Abgrenzung hat viel mit der Einteilung der eigenen Zeit zu tun, aber auch damit, wie ich mit den Erwartungen in der Gemeinde umgehe."

Wie sieht es denn mit den beruflichen Chancen aus? Hat man als Vikarin oder Vikar nach dem Vikariat eine Übernahmegarantie?

Nein, eine Übernahmegarantie gibt es bei keinem Dienstherren, weder bei den Beamtinnen und Beamten noch bei den Pfarrerinnen und Pfarrern. Nach dem Vikariat und dem 2. Theologischen Examen bewirbt man sich auf eine Probedienststelle. Die Kirche sucht auf der Grundlage dieser Bewerbung eine passende Gemeinde. Nach dem Probedienst kommt dann möglicherweise die endgültige Übernahme. Im Moment stehen die Chancen, fest übernommen zu werden, aber ausgesprochen gut.

Und wie sieht es außerhalb der Kirche mit Berufschancen aus? Gibt es Vikarinnen und Vikare, die schließlich doch woanders landen?

Ja, es gibt immer wieder Einzelne, die Lektorin beziehungsweise Lektor oder Journalistin beziehungsweise Journalist werden, andere werden Lehrerin oder Lehrer. Manche gehen auch ins Personalmanagement. Aber die meisten entscheiden sich schon vor dem Vikariat für eine solche Alternative.

Sie haben bereits erwähnt, dass man sich im zweiten Ausbildungsabschnitt mit den eigenen Fragen und Zweifeln auseinandersetzt. Inwiefern wird denn der eigene Glaube in der Zeit des Vikariats herausgefordert?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist sicherlich ein lebenslanger Prozess. Aber in unserem Beruf ist sie natürlich von zentraler Bedeutung. Der Gottesdienst und die Predigt leben davon. Wir halten ja keine Sonntagsreden, sondern möchten von einem Glauben erzählen, der das Leben in allen Dimensionen ernst nimmt. Die eigenen Zweifel sind ein sehr wichtiger Schlüssel dazu.

"Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist sicherlich ein lebenslanger Prozess. Aber in unserem Beruf ist sie natürlich von zentraler Bedeutung." 

Gibt es eine Frage, die man sich stellen sollte, wenn man überlegt, Pfarrerin oder Pfarrer zu werden?

Man muss eine große Neugier auf Menschen haben und Lust verspüren, in einen Ort einzutauchen. Ob das nun ein Dorf oder eine Stadtgemeinde ist – man braucht in diesem Beruf Interesse daran, wie Strukturen funktionieren und was Menschen bewegt. Außerdem sollte man natürlich eine große Liebe zur Theologie mitbringen, denn das ist der Schatz, aus dem wir schöpfen. Eigentlich kann man erst nach dem Studium entdecken, wie toll es ist, dass man Theologie studiert hat.

Und was ist das Tolle für Sie persönlich?

Predigen ist für mich eine große Herausforderung. Finde ich eine verständliche Sprache für das, was mich an einem Bibeltext fasziniert? Außerdem finde ich es unglaublich spannend, mit anderen danach zu fragen, wie Kirche heute aussehen soll und kann. Der Beruf bringt uns Pfarrerinnen und Pfarrer auch dazu, andere in hochsensiblen Situationen zu begleiten: Wenn man das erste Mal in der Trauerkapelle seinen Talar anzieht, wenn die Urne dort steht, und Menschen kommen und weinen, dann ist das eine starke Erfahrung: Was bedeutet da Trost? Oder wenn man in einer Traupredigt Worte findet, die das Paar vielleicht ein Leben lang begleiten, dann ist das wunderschön, aber gleichzeitig auch eine ganz schöne Verantwortung.

Was machen denn Pfarrerinnen und Pfarrer bei Lampenfieber?

Entspannungsübungen, bewusstes Atmen und sich selbst verdeutlichen, dass man einen Gottesdienst zum Lob Gottes feiert und nicht fürs eigene Ego.

 

 

Das Predigerseminar im Kloster Loccum ist Ausbildungsort für Vikarinnen und Vikaren von fünf kooperierenden Kirchen: der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig, der Ev.-luth. Kirche in Oldenburg, der Ev.-luth. Landeskirche Schaumburg-Lippes und der Bremischen Ev. Kirche. Die Ausbildung im Predigerseminar wird von einem Team von vier Studieninspektoren und -inspektorinnen begleitet. Die Leitung liegt in den Händen von Studiendirektorin Dr. Adelheid Ruck-Schröder

 

 

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Das Vikariat

​Adelheid Ruck-Schröder bildet Vikarinnen und Vikare aus. Im Gespräch erklärt sie, wie unterschiedlich Menschen diese Zeit erleben und welche Fragen der Gottestdienstgestaltung man am Besten von einem Schauspieler lernt.

Frau Ruck-Schröder, Sie begleiten junge Vikare beim Schritt in das Berufsleben. Was erlebt jemand, wenn sie oder er das erste Mal einen Talar überzieht und vor einer Gemeinde steht?

Das ist ein spannender Moment, auf den Vikarinnen und Vikare ganz unterschiedlich reagieren. Vor Kurzem sagte eine junge Vikarin zu mir: „Ganz ehrlich, der Talar ist für mich wie eine Verkleidung, da muss ich mich erst noch reinfinden.“ Wir haben ja hier im Seminar eine gemeinsame Anprobe, aber es ist doch etwas anderes, wenn man das erste Mal damit im Gottesdienst auftritt. Man muss langsam hineinwachsen und seine Erfahrungen damit machen.

Ist das eine Verwandlung, die Sie von Außen wahrnehmen können?

Ja, es verändert sich etwas, aber die Person verschwindet nicht im Talar. Das Gesicht kommt zum Beispiel sehr viel mehr zur Geltung, Gestik und Mimik werden wichtiger. Daran arbeiten wir auch gemeinsam mit einem Schauspieler.

Sie laden einen Schauspieler ein, um mit den Vikarinnen und Vikaren zu üben?

Genau. Die Liturgie beinhaltet ja ganz unterschiedliche Elemente, die eben auch unterschiedliche Ausdrucksformen erfordern. Das hat sehr viel mit Körpersprache zu tun. Wenn ich sage „Freuet euch in dem Herrn“ und stehe da wie ein Trauerkloß, ist das nicht wirklich überzeugend. Im Unterricht probiert man verschiedene Haltungen aus und bekommt eine Rückmeldung, wie man auf den Betrachter wirkt. Das lässt sich sehr gut mit einem Schauspieler lernen.

Erzählen Sie uns doch mal ein bisschen über den zweiten Ausbildungsabschnitt. Was lernen Vikarinnen und Vikare noch?

Vikare lernen an zwei Lernorten. Der erste ist die Kirchengemeinde: Jede Vikarin, jeder Vikar ist einer Gemeinde und einem Mentor, also einem Ausbildungspfarrer, zugewiesen. Hier machen Vikare praktische Erfahrungen vor Ort mit allem, was in der Gemeinde so dazugehört. Der zweite Ort ist das Predigerseminar. Hier verläuft die Ausbildung im Kurs, also in einer festen Gruppe. Ein Schwerpunkt im Vikariat ist zum Beispiel die Gottesdienstgestaltung. Wie baue ich eine gute Predigt auf, und wie trage ich sie vor? Hierzu gehören auch die Sprecherziehung und die liturgische Präsenz, von der ich eben gesprochen habe. Dann haben wir den großen Bereich der Seelsorge: Wie gestalte ich ein Gespräch? Wie gehe ich mit Trauersituationen um? Das ist eine sehr tiefe und sensible Arbeit, die viel mit persönlicher Entwicklung zu tun hat. Ein weiterer Bereich ist die Religionspädagogik, zu der auch eine Praxisphase in der Schule gehört. Außerdem werden Kurse in Gemeindeleitung, Öffentlichkeitsarbeit, Diakonie und vielem mehr abgehalten. Unsere Vikarinnen und Vikare gehen auch für eine Woche in ein Kloster und schweigen miteinander.

Vor dem Vikariat muss man bereits ein sehr umfangreiches Studium absolvieren, bei dem es vor allem um die theoretische Auseinandersetzung mit dem Glauben geht. Kommt es auch schon mal vor, dass jemand erst im Vikariat merkt, dass der Beruf nichts für sie oder ihn ist?

Im Gegenteil, die meisten merken in der praktischen Auseinandersetzung, dass dieser Beruf etwas für sie ist. Das Vikariat ist eine Zeit, in der man sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzen kann. Das ist ein großes Privileg. Dazu gehört auch die Frage „Kann ich auf diesen Beruf und seine Herausforderungen zugehen?“ Auch diejenigen, die Fragen und Zweifel haben, erleben auf diesem Weg sehr viel Bestätigung und machen tiefe Erfahrungen.

"Die meisten merken erst in der praktischen Auseinandersetzung, dass dieser Beruf etwas für sie ist."

Ich habe mir Umfragen zu verschiedenen Berufsbildern angeschaut. Bei der Frage „In welchem Beruf könnten Sie sich vorstellen zu arbeiten?“ kommt das Pfarramt an letzter Stelle – hinter Busfahrerin und Versicherungsmakler. Sollte man den Weg zum Pfarramt nicht lieber ein wenig leichter gestalten, um niemanden abzuschrecken?

Pfarrerin oder Pfarrer ist ein theologischer Beruf, der mit der gesamten christlich-jüdischen Tradition umgeht und diese in unserer heutigen Welt zur Sprache bringt. Es wäre fatal, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer sich hier nicht auskennen würden. Die Anforderungen an die persönliche Kompetenz im Vikariat dürfen wir aus meiner Sicht nicht herunterschrauben, denn irgendwann stehen Vikarinnen und Vikare in der Öffentlichkeit einer Kirchengemeinde. Da führen manchmal Detailfragen zu einer echten Auseinandersetzung. Eine Vikarin fragte mich neulich, was sie denn eigentlich anziehen soll, wenn sie sich ganz normal in der Öffentlichkeit bewegt.

Dahinter steht doch eigentlich die Frage „Wie kann ich angemessen meine Kirche repräsentieren und gleichzeitig eine Brücke in mein Leben schlagen?“, oder nicht?

Ja genau, es sind einzelne Persönlichkeiten, die mit ihrem Charakter, ihrem Auftreten, ihrem Wissen und ihrem Glauben, mit allen ihren Stärken und Schwächen die Kirche repräsentieren. So ist es gedacht, und so ist es gut. Aber wie genau es für einen selbst aussieht, muss jeder selbst herausfinden.

Da sprechen Sie eine sehr sensible Frage an: Wie schafft man es eigentlich bei all der Verantwortung, sich selbst richtig abzugrenzen?

Das ist in der Tat ein wichtiges Feld. Bekomme ich die Balance zwischen Beruf und Privatleben hin? Die Frage nach der Abgrenzung hat viel mit der Einteilung der eigenen Zeit zu tun, aber auch damit, wie ich mit den Erwartungen in der Gemeinde umgehe. Wie arbeite ich mit anderen zusammen? Kann ich Dinge abgeben, oder versuche ich, in jeder Einzelhandlung die Welt zu retten? Finde ich Zeit für meine eigene Spiritualität? Da gibt es viele Hilfen bei uns – in der Landeskirche Hannover kann man zum Beispiel ein Sabbatsemester machen, also eine bezahlte Auszeit für Pastoren, in der man sich der eigenen Person und dem eigenen Glauben zuwendet, aber auch noch einmal nach Jahren der Praxis die Chance kriegt, intensiv zu studieren.

"Die Frage nach der Abgrenzung hat viel mit der Einteilung der eigenen Zeit zu tun, aber auch damit, wie ich mit den Erwartungen in der Gemeinde umgehe."

Wie sieht es denn mit den beruflichen Chancen aus? Hat man als Vikarin oder Vikar nach dem Vikariat eine Übernahmegarantie?

Nein, eine Übernahmegarantie gibt es bei keinem Dienstherren, weder bei den Beamtinnen und Beamten noch bei den Pfarrerinnen und Pfarrern. Nach dem Vikariat und dem 2. Theologischen Examen bewirbt man sich auf eine Probedienststelle. Die Kirche sucht auf der Grundlage dieser Bewerbung eine passende Gemeinde. Nach dem Probedienst kommt dann möglicherweise die endgültige Übernahme. Im Moment stehen die Chancen, fest übernommen zu werden, aber ausgesprochen gut.

Und wie sieht es außerhalb der Kirche mit Berufschancen aus? Gibt es Vikarinnen und Vikare, die schließlich doch woanders landen?

Ja, es gibt immer wieder Einzelne, die Lektorin beziehungsweise Lektor oder Journalistin beziehungsweise Journalist werden, andere werden Lehrerin oder Lehrer. Manche gehen auch ins Personalmanagement. Aber die meisten entscheiden sich schon vor dem Vikariat für eine solche Alternative.

Sie haben bereits erwähnt, dass man sich im zweiten Ausbildungsabschnitt mit den eigenen Fragen und Zweifeln auseinandersetzt. Inwiefern wird denn der eigene Glaube in der Zeit des Vikariats herausgefordert?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist sicherlich ein lebenslanger Prozess. Aber in unserem Beruf ist sie natürlich von zentraler Bedeutung. Der Gottesdienst und die Predigt leben davon. Wir halten ja keine Sonntagsreden, sondern möchten von einem Glauben erzählen, der das Leben in allen Dimensionen ernst nimmt. Die eigenen Zweifel sind ein sehr wichtiger Schlüssel dazu.

"Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist sicherlich ein lebenslanger Prozess. Aber in unserem Beruf ist sie natürlich von zentraler Bedeutung." 

Gibt es eine Frage, die man sich stellen sollte, wenn man überlegt, Pfarrerin oder Pfarrer zu werden?

Man muss eine große Neugier auf Menschen haben und Lust verspüren, in einen Ort einzutauchen. Ob das nun ein Dorf oder eine Stadtgemeinde ist – man braucht in diesem Beruf Interesse daran, wie Strukturen funktionieren und was Menschen bewegt. Außerdem sollte man natürlich eine große Liebe zur Theologie mitbringen, denn das ist der Schatz, aus dem wir schöpfen. Eigentlich kann man erst nach dem Studium entdecken, wie toll es ist, dass man Theologie studiert hat.

Und was ist das Tolle für Sie persönlich?

Predigen ist für mich eine große Herausforderung. Finde ich eine verständliche Sprache für das, was mich an einem Bibeltext fasziniert? Außerdem finde ich es unglaublich spannend, mit anderen danach zu fragen, wie Kirche heute aussehen soll und kann. Der Beruf bringt uns Pfarrerinnen und Pfarrer auch dazu, andere in hochsensiblen Situationen zu begleiten: Wenn man das erste Mal in der Trauerkapelle seinen Talar anzieht, wenn die Urne dort steht, und Menschen kommen und weinen, dann ist das eine starke Erfahrung: Was bedeutet da Trost? Oder wenn man in einer Traupredigt Worte findet, die das Paar vielleicht ein Leben lang begleiten, dann ist das wunderschön, aber gleichzeitig auch eine ganz schöne Verantwortung.

Was machen denn Pfarrerinnen und Pfarrer bei Lampenfieber?

Entspannungsübungen, bewusstes Atmen und sich selbst verdeutlichen, dass man einen Gottesdienst zum Lob Gottes feiert und nicht fürs eigene Ego.

 

 

Das Predigerseminar im Kloster Loccum ist Ausbildungsort für Vikarinnen und Vikaren von fünf kooperierenden Kirchen: der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig, der Ev.-luth. Kirche in Oldenburg, der Ev.-luth. Landeskirche Schaumburg-Lippes und der Bremischen Ev. Kirche. Die Ausbildung im Predigerseminar wird von einem Team von vier Studieninspektoren und -inspektorinnen begleitet. Die Leitung liegt in den Händen von Studiendirektorin Dr. Adelheid Ruck-Schröder

 

 

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