Pfarrerskind Marlene, ​„Werdet politischer!“

​„Werdet politischer!“

​#Pfarrerskind

Das Reisen hat Marlene Pick, Tochter eines Ausländerpfarrers, in die Wiege gelegt bekommen. Ihr Engagement für eine bessere Welt möchte sie allerdings lieber in der Politik investieren.

Marlene, du warst im letzten Jahr für zehn Monate in Palästina. Was hast du da gemacht?

Ich habe in Bethlehem gelebt, wo ich in den ersten sieben Monaten im SOS-Kinderdorf Hausaufgabenbetreuung gemacht und nachmittags Freizeitbeschäftigungen angeboten habe. Mir selbst hat die Arbeit mit den Kindern auch unglaublich viel gebracht, man kann eine Sprache tatsächlich am Besten von Kindern lernen. Danach war ich noch drei Monate im Al-Azzeh Flüchtlingslager als persönliche Assistenz meiner Arabischlehrerin, die im Rollstuhl sitzt und die ihr Leben mit ständig wechselnden Freiwilligen meistert.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet nach Palästina zu gehen?

Ich war über die Arbeit meines Vaters schon dreimal im Libanon, und irgendwie war mir damals schon klar, dass ich irgendwann mal diese Sprache lernen möchte. Als ich mich dann entschieden hatte, war die häufigste Reaktion in meinem Bekanntenkreis: „Oh Gott, da passiert doch ständig etwas.“ Als Deutsche mit einem deutschen Pass hat man keine Probleme, aber man merkt natürlich trotzdem, dass es anderen anders geht. Die meisten Familien, die ich dort kennengelernt habe, haben einen Verwandten, der im Gefängnis sitzt, oder sogar jemanden, der sein Leben verloren hat. Da kann jede und jeder eine Geschichte erzählen.

Dein Vater ist Ausländerpfarrer, was genau bedeutet das?

Mein Vater ist vor allem in der Beratung tätig. Als vor über 25 Jahren die ersten Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg im Libanon kamen, waren in seinem Büro bloß er und vielleicht noch ein Zivi, inzwischen sind dort sehr viel mehr Leute, die in unterschiedlichen Bereichen Geflüchtete unterstützen. Sie vermitteln Wohnungen und Jobs, geben Rechtsberatung, und natürlich gehört auch Seelsorge dazu.

"Für mich war es schon als Kind selbstverständlich, dass wir eine erweiterte Familie waren und sich unser Leben in unterschiedlichen Kontexten abgespielte." 

Kannst du dich erinnern, wie du das damals als Kind wahrgenommen hast? Du bist ja sicherlich viel mit der Arbeit deines Vaters in Berührung gekommen, oder?

Ja sicher, bei uns waren immer Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen zu Gast. Für mich war es schon als Kind selbstverständlich, dass wir eine erweiterte Familie waren und sich unser Leben in unterschiedlichen Kontexten abgespielte. Viele von den Menschen, mit denen mein Vater beruflich zu tun hatte, sind irgendwann auch Freunde der Familie geworden: zum Beispiel der Patenonkel meines Bruders, der aus Uganda geflüchtet ist und noch heute jedes Jahr bei uns Weihnachten feiert. Mein Vater hat auch mehrere Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernommen. So habe ich zwei vietnamesische Schwestern, einen Bruder aus der Türkei und einen aus Afghanistan. Die haben zwar nicht bei uns gewohnt, aber sie waren oft an den Wochenenden da oder sind mit uns in den Urlaub gefahren.

Jetzt studierst du Liberal Arts and Sciences in Freiburg mit dem Schwerpunkt Governance. War dir Theologie nicht politisch genug?

Ich glaube, ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, Theologie zu studieren. Ich bin zwar christlich aufgewachsen und war im Kindergottesdienst, habe mich aber als Teenie gegen Kirche und Religion entschieden. Ich konnte nur schwer nachvollziehen, dass man einen Gott anbetet, der Verantwortung für die Welt übernimmt, wenn man doch eigentlich selbst die Verantwortung übernehmen müsste.

Mit der Kombination aus Politik, Wirtschaftswissenschaften und Sprachen kann man viel bewegen. Hast du schon eine Idee, was das sein könnte?

Ich stand vor ein paar Wochen vor der Entscheidung, ob ich stärker in Richtung Politik oder Kultur gehen möchte. Und ich habe mich tatsächlich für Politik entschieden, weil ich denke, dass man die globalen Zusammenhänge damit besser verstehen kann. Auch Recht und Wirtschaft sind wichtige Schlüssel. Aber wo genau mich das im Moment hinführen wird, weiß ich noch nicht.

Du bist in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Was kennen nur Menschen, die mit Pfarrern zusammenleben?

Ich weiß nicht, wie oft ich im Religionsunterricht den Satz gehört habe, „Marlene, das musst du als Pfarrerstochter doch wissen“. Ansonsten kennt man es, dass der Vater beim Abendbrot viel redet und manchmal auch schon mal ins Predigen kommt. Das merkt man dann daran, dass er die Vortragsstimme aufsetzt, die er auch auf der Kanzel hat. Davon abgesehen ist es ein ziemlich normales Familienleben.

Wir richten uns an Menschen, die gern Pfarrer werden wollen. Was für Pfarrerinnen und Pfarrer wünschst du dir für die Zukunft unseres Landes?

Menschen, die sich eher für Menschen interessieren als für Spiritualität. Menschen, die überlegen, was man verändern kann, damit andere es besser haben. Also Menschen, die nicht nur denken: „Gott regelt das schon“ – oder „Inschallah“, wie man auf Arabisch sagt.


Marlene Pick kommt gerade aus dem Nahen Osten, ursprünglich aber aus der Kleinstadt Bad Kreuznach in der Nähe von Mainz. Mit neun Jahren war sie bereits das erste Mal im Libanon und in Syrien. Nach dem Abitur war sie dann für ihren Freiwilligendienst zehn Monate in Bethlehem in Palästina und hat dort erst im SOS-Kinderdorf und später ihrer Arabischlehrerin geholfen, die im Rollstuhl lebt. Nun studiert sie Liberal Arts and Sciences in Freiburg und freut sich schon auf die nächsten Reisen.

Dein Beruf. Das volle Leben.

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Das Reisen hat Marlene Pick, Tochter eines Ausländerpfarrers, in die Wiege gelegt bekommen. Ihr Engagement für eine bessere Welt möchte sie allerdings lieber in der Politik investieren.

Marlene, du warst im letzten Jahr für zehn Monate in Palästina. Was hast du da gemacht?

Ich habe in Bethlehem gelebt, wo ich in den ersten sieben Monaten im SOS-Kinderdorf Hausaufgabenbetreuung gemacht und nachmittags Freizeitbeschäftigungen angeboten habe. Mir selbst hat die Arbeit mit den Kindern auch unglaublich viel gebracht, man kann eine Sprache tatsächlich am Besten von Kindern lernen. Danach war ich noch drei Monate im Al-Azzeh Flüchtlingslager als persönliche Assistenz meiner Arabischlehrerin, die im Rollstuhl sitzt und die ihr Leben mit ständig wechselnden Freiwilligen meistert.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet nach Palästina zu gehen?

Ich war über die Arbeit meines Vaters schon dreimal im Libanon, und irgendwie war mir damals schon klar, dass ich irgendwann mal diese Sprache lernen möchte. Als ich mich dann entschieden hatte, war die häufigste Reaktion in meinem Bekanntenkreis: „Oh Gott, da passiert doch ständig etwas.“ Als Deutsche mit einem deutschen Pass hat man keine Probleme, aber man merkt natürlich trotzdem, dass es anderen anders geht. Die meisten Familien, die ich dort kennengelernt habe, haben einen Verwandten, der im Gefängnis sitzt, oder sogar jemanden, der sein Leben verloren hat. Da kann jede und jeder eine Geschichte erzählen.

Dein Vater ist Ausländerpfarrer, was genau bedeutet das?

Mein Vater ist vor allem in der Beratung tätig. Als vor über 25 Jahren die ersten Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg im Libanon kamen, waren in seinem Büro bloß er und vielleicht noch ein Zivi, inzwischen sind dort sehr viel mehr Leute, die in unterschiedlichen Bereichen Geflüchtete unterstützen. Sie vermitteln Wohnungen und Jobs, geben Rechtsberatung, und natürlich gehört auch Seelsorge dazu.

"Für mich war es schon als Kind selbstverständlich, dass wir eine erweiterte Familie waren und sich unser Leben in unterschiedlichen Kontexten abgespielte." 

Kannst du dich erinnern, wie du das damals als Kind wahrgenommen hast? Du bist ja sicherlich viel mit der Arbeit deines Vaters in Berührung gekommen, oder?

Ja sicher, bei uns waren immer Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen zu Gast. Für mich war es schon als Kind selbstverständlich, dass wir eine erweiterte Familie waren und sich unser Leben in unterschiedlichen Kontexten abgespielte. Viele von den Menschen, mit denen mein Vater beruflich zu tun hatte, sind irgendwann auch Freunde der Familie geworden: zum Beispiel der Patenonkel meines Bruders, der aus Uganda geflüchtet ist und noch heute jedes Jahr bei uns Weihnachten feiert. Mein Vater hat auch mehrere Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernommen. So habe ich zwei vietnamesische Schwestern, einen Bruder aus der Türkei und einen aus Afghanistan. Die haben zwar nicht bei uns gewohnt, aber sie waren oft an den Wochenenden da oder sind mit uns in den Urlaub gefahren.

Jetzt studierst du Liberal Arts and Sciences in Freiburg mit dem Schwerpunkt Governance. War dir Theologie nicht politisch genug?

Ich glaube, ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, Theologie zu studieren. Ich bin zwar christlich aufgewachsen und war im Kindergottesdienst, habe mich aber als Teenie gegen Kirche und Religion entschieden. Ich konnte nur schwer nachvollziehen, dass man einen Gott anbetet, der Verantwortung für die Welt übernimmt, wenn man doch eigentlich selbst die Verantwortung übernehmen müsste.

Mit der Kombination aus Politik, Wirtschaftswissenschaften und Sprachen kann man viel bewegen. Hast du schon eine Idee, was das sein könnte?

Ich stand vor ein paar Wochen vor der Entscheidung, ob ich stärker in Richtung Politik oder Kultur gehen möchte. Und ich habe mich tatsächlich für Politik entschieden, weil ich denke, dass man die globalen Zusammenhänge damit besser verstehen kann. Auch Recht und Wirtschaft sind wichtige Schlüssel. Aber wo genau mich das im Moment hinführen wird, weiß ich noch nicht.

Du bist in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Was kennen nur Menschen, die mit Pfarrern zusammenleben?

Ich weiß nicht, wie oft ich im Religionsunterricht den Satz gehört habe, „Marlene, das musst du als Pfarrerstochter doch wissen“. Ansonsten kennt man es, dass der Vater beim Abendbrot viel redet und manchmal auch schon mal ins Predigen kommt. Das merkt man dann daran, dass er die Vortragsstimme aufsetzt, die er auch auf der Kanzel hat. Davon abgesehen ist es ein ziemlich normales Familienleben.

Wir richten uns an Menschen, die gern Pfarrer werden wollen. Was für Pfarrerinnen und Pfarrer wünschst du dir für die Zukunft unseres Landes?

Menschen, die sich eher für Menschen interessieren als für Spiritualität. Menschen, die überlegen, was man verändern kann, damit andere es besser haben. Also Menschen, die nicht nur denken: „Gott regelt das schon“ – oder „Inschallah“, wie man auf Arabisch sagt.


Marlene Pick kommt gerade aus dem Nahen Osten, ursprünglich aber aus der Kleinstadt Bad Kreuznach in der Nähe von Mainz. Mit neun Jahren war sie bereits das erste Mal im Libanon und in Syrien. Nach dem Abitur war sie dann für ihren Freiwilligendienst zehn Monate in Bethlehem in Palästina und hat dort erst im SOS-Kinderdorf und später ihrer Arabischlehrerin geholfen, die im Rollstuhl lebt. Nun studiert sie Liberal Arts and Sciences in Freiburg und freut sich schon auf die nächsten Reisen.

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